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Hühnertage – Beobachtungen

Die Vorbereitung

Im Jahr zwei der Covid-Katastrophe und inmitten einer vogelgrippebedingten Quarantäne für Nutzvögel hat sich meine Frau entschlossen, einen Hühnerstall zu bauen. Meine Frau ist Intensivfachkrankenschwester und blickt in Anbetracht der anhaltenden Diskussionen über einen vernünftigen Umgang auf den verschiedensten Ebenen in eine recht düstere Zukunft. Und so haben wir begonnen, unser ohnehin rural geprägtes Leben noch etwas gezielter nutzbringend zu gestalten. Ich habe ein neues Beet angelegt, um verstärkt ökologisches Gemüse anzubauen, alte Sorten und so. Da wir an einem kleinen Dorfteich wohnen hatte meine Frau die Idee „nag-nag-nag“-Enten zu halten. Unsere Hündin „Maddy“ intervenierte vehement und legte Kriegsbemalung an. Außerdem schmecken Enteneier nach Ente. Das muss man mögen wollen. Und da ich – nicht gerade ein Putzfanatiker – auch noch ein Veto einlegte, kam meine Frau durch die Hintertür mit der Hühneridee. Eigentlich ein Traum, den ich schon lange hege, stellte ich mich trotzdem quer, weil das aktuell sehr angesagt ist und weil ich auch Bewusstsein schaffen wollte, dass Hühner eine Verantwortung mit sich bringen, die uns in unserem Bewegungsdrang einschränken wird. Meine Frau aber bewies das, was der Engländer Perseverance nennt: Durchhaltevermögen. Sie brachte Argumente wie Eier, den Weltfrieden, Artenvielfalt und das Versprechen, dass es ihre Hühner und ihre Aufgabe sei, den Hühnerstall möglichst geruchsneutral und keimfrei zu gestalten. Wie gesagt, sie ist Intensivfachkrankenschwester und weiß, was keimfrei bedeutet.

Im vergangenen Jahr sind unsere beiden Kater gestorben und es war mir ein Gräuel, sie zu Grabe zu tragen, obendrein hatte sich ein weiterer, von uns Zottel genannter Kater in Roadkill verwandelt, so dass ich auch ihn beerdigen musste. Bei Hühnern bleibt mir also die Hoffnung, dass ein Fuchs gezielt ein einzelnes Huhn als Nahrung vollständig abtransportiert oder ein Habicht elegant damit entschwebt und kein Marder im Blutrausch ein widerwärtiges Gemetzel hinterlässt. Andererseits: Wie kann man ein Leben gedanklich mit dem Tod beginnen?

Als Musiker ist meine Wahrnehmung der männlichen Hühnerpopulation sehr zwiespältig. Da gibt es den Morgen nach dem Gig. Man hat es gerade ins Bett geschafft, da beschließt ein Hahn er sei wach und wir wollten jetzt aufstehen. Empathie sucht man hier beim Hahn verzweifelt und auch Schallschutzwände sind nur ein geringes Hindernis für die enervierenden Geräusche, die der Wache macht. 
Der Gedanke an den Tod kehrt zurück. Den Hals umdrehen, eine Redewendung, die metaphorisch ganz anders rüberkommt, als in Realitas. Oft habe ich mich in den vergangenen Jahren gefragt, warum niemand in den USA das Second Amendment anwendet und dem orangenen Gockel Nummer 45 den Hals umdreht, aber eben metaphorisch. Nach der Lektüre des Buches „Nerds“, einer Interview-Sammlung von Sibylle Berg mit Experten diverser Genres war mir die Lösung klar, die meine Frau natürlich längst gefunden hatte: keine Hähne. Sibylle Berg scheiterte zwar daran, die Stimme der Experten dafür zu gewinnen, dass ein Matriarchat oder besser, eine Welt in der verstärkt Frauen in Machtpositionen gelangten, per se eine bessere sei, weil manch Experte befand, dass Frauen sich dann wohl auch entsprechende Herrschaftsmechanismen aneigneten, wie sie jetzt die männlichen Seilschaften an den Tag legten. Aber in unserer angedachten Hühnerwelt war die Auslassung jedweder Männlichkeit durchaus eine, genau genommen, die einzige Option.

Meine Gedanken schweiften bei dem Bild des Hühnerstalls ohne Hahn ab. Ich sah mich zurückversetzt in die Welt der Kartoffeldiäten, Schminktipps und des großzügigen Productplacements. Kurz gesagt, da war ich wieder auf den Fluren von Frauenzeitschriften. Magazine, die natürlich nur von Frauen gemacht werden können, wobei ein schwuler Redakteur im Gartenressort durchaus auch mitarbeiten durfte. Die Hackordnung hier war etwas subtiler, dabei aber keinesfalls weniger brutal, als auf dem benachbarten Flur des Handwerkermagazins. Während sich beim Handwerkermagazin PS-Klischees mit blankem Pragmatismus und verkümmerter Sprache paarten, Sportangeln zur Berufung mancher gehörte, waren bei den Frauenmagazinen die Tastaturen so bunt verschmiert wie die Sprache. War es auf dem einen Flur fast so still wie in einem Aquarium, wurde auf dem anderen Flur gesprochen, meist zeitgleich, gelacht, geweint und auch sehr viel gefühlt. Was beide Käfige verband, war, dass der Blick über den Tellerrand niemals gewagt werden durfte, eine Weitung der Perspektive, etwa durch die Lektüre einer Tageszeitung wie der Süddeutschen wäre unangenehm aufgefallen, während die Bildzeitung zum sofortigen lautstarken Abgleich der Fußballergebnisse des vorangegangenen Wochenendes führte. Man konnte förmlich die Holstendose hören. Auf dem Mädchenflur klirrten derweil die Sektgläser und 15 Stimmen sangen im Gleichklang, nur eben jede das eigene Lied: Output statt Input. Die Analogie zwischen Redaktionsfluren und Hühnerställen ist natürlich nicht aufrechthaltbar, oder? Der Vorteil eines Hühnerstalls liegt auf der Hand: Gemeinsam mit meiner Frau kann ich die Mitarbeiter auswählen und da wir die Sprache des Geflügels nicht sprechen, können wir Lautstärke als Kriterium wählen. Dabei entscheiden wir uns gegen die Spitzen-db-Zahlen der Hähne, aber für das Dauergebrabbel der Damen und vor allem für die Eier. Den Verlust der Option auf halbe männliche Hähne mit Paprika-Salzkruste bedauere ich schon ein wenig, weiß aber, dass es die auf jedem Baumarktparkplatz mundfein in der kunststoffbeschichteten Papiertüte gibt. Außerdem bleibt mir dadurch vorerst erspart den Mann zu geben und meine neuen Freunde aus blanker Fresssucht zu töten.

Und nachdem ich mich in der Zweiergemeinschaft mit der Ortswahl des Stalls durchgesetzt hatte, allerdings noch auf meine schriftliche Entbindung von sämtlichen Reinigungs- oder Fütterungspflichten warte, machte ich eine interessante Feststellung: Meine Frau hatte längst die Bauarbeiten eingeleitet, ohne die demokratische Abstimmung abzuwarten. Pakete mit Zement, Sand, verschiedenen Holzstreusorten, Hühnerfutter wurden vom gequält lächelnden Postboten angeliefert. Bei jedem dieser 25-Kilosäcke entschuldigte ich mich bei ihm und verwies auf die coronabedingte Alternativlosigkeit des online-Handels. 
Meine Frau ging auch sofort zu Werke, verwandelte bei Außentemperaturen von um die -10°C die Gartenlaube in einen Hühnerstall. Volierendraht, Kalk und Balkengerüste, Schlösser und Riegel, ein Futterhaus, ein Hühnerhaus, eine solarbetriebene Klappe rauschten an mir vorbei. Nur das Tragen der 25-Kilosäcke wurde Teil meiner Beteiligung an der Behausung unserer neuen Freundinnen. Meine Frau war glücklich und dankbar, sie strahlte, wenn sie wieder mit gefrorenen Fingern von vollbrachtem Tageswerk zurückkehrte. Und ich freute mich, dass mein heimlicher Traum von eigenen Hühnern sich zu verwirklichen schien. Meine Strategie, keine Verantwortung zu übernehmen und also später als Held oder Gönner dazustehen, wenn ich mich doch beteiligen würde, ist zwar offensichtlich schamlos, aber deswegen nicht weniger effektiv. Die Strategie meiner Frau, einen demokratischen Vorgang einzuleiten und gleichzeitig, das Abstimmungsergebnis vorweg zu nehmen sind ja beides dem aktuellen Tagesgeschäft in der Politik angeglichen Prozesse. Meine Frau ist sozusagen Putin und ich bin Firmenvorstand bei Daimler. Natürlich bewundere ich mich selbst für meine herausragende Geschäftstüchtigkeit. Aber ich liebe auch meine Frau. Mache ich natürlich ohnehin, aber ich musste keinen Giftangriff überleben, konnte mich so fühlen, als sei ich an Entscheidungsprozessen beteiligt gewesen und im übertragenen Sinne wird die Pipeline im Garten weitestgehend ohne mein Zutun fertig gestellt. Dabei ist meine Frau charmant und zugewandt. Eine echte Win-Win-Situation.

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